1.1 Alte Geschichte: 480 v. Chr. (Xenophon) bis 1494 (Pacelli)

Etwa in der Zeit von 3000/2900 v. Chr. entwickelten die Sumerer in dem Tempel Dublal-Mach in Uhr die älteste erhaltene Fabrikbuchhaltung, die aus einem fortlaufend geführten Inventar und einer monatlichen Einnahmen- und Ausgaben-Rechnung bestand. Den Erfindern der Buchhaltung gelang es damit vor 5000 Jahren, bestimmte soziale Beziehungen eindeutig anzusprechen, zu erfassen, zu messen, zu unterscheiden, fortlaufend zu registrieren, zu vergleichen und im Hinblick auf ein rationales Verhalten in der Zukunft auszuwerten. Damit begann jedoch noch nicht die Betriebswirtschaftslehre als Lehrfach. Dies geschah spätestens mit dem Buch des Xenophon "Oikonomikos", das etwa von 385 bis 370 v. Chr. entstanden sein dürfte. In dieser Schrift gibt Sokrates von Athen (469-399) den damaligen Stand der Betriebswirtschaftslehre in Dialogform wieder.

Einzelne überlieferte Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre begannen damals etwa mit Thales von Milet (625-545 v. Chr.). Den Höhepunkt und Abschluss dieser Arbeiten stellten die Vorlesungen von Aristoteles (384-322 v. Chr.) dar. Als nicht mehr weiter zu verallgemeinernden Zusammenhang stellte Aristoteles die Unternehmung als eine Wechselbeziehung dar, in welcher die Bedarfsdeckung das Beziehungsziel, der Betrieb der Beziehungsträger und die Produktion der Beziehungsgrund waren. Um ihr Ziel zu erreichen, müsste die Produktion nach dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit unter der Nebenbedingung ständiger Zahlungsbereitschaft erfolgen.

Den Kaufleuten des Altertums und der Antike war es zunächst um Rezepte für erfolgreiches Handeln gegangen. Sie sammelten daher Beispiele für bestimmte Techniken und bewährte Verhaltensweisen. Sehr schnell gelangten jedoch die Gelehrten der damaligen Zeit zu der Einsicht, dass Rezepte nur in speziellen Fällen anwendbar sind. Sie suchten daher nach Methoden, mit deren Hilfe sie zu generell gültigen Erkenntnissen gelangen könnten. Solches Wissen müsste es erlauben, aus ihm auch für eine Vielzahl spezieller Probleme zutreffende Lösungen abzuleiten.

Zunächst glaubten die Wissenschaftlicher, die sinnliche Wahrnehmung könnte als wesentliche Erkenntnisquelle dienen. Dieser Auffassung wurde bald entgegengehalten, dass sich das Wesen der Dinge nicht empirisch, sondern nur durch das Denken erfassen ließe. Damit begann der faszinierende Übergang von rein beschreibender zur erklärender Forschung. Die Deduktion löste die Induktion ab. Die Lösung des Konfliktes zwischen sinnlicher und rein verständnismäßiger Erkenntnis glaubten einige Denker in dem mechanistischen Materialismus gefunden zu haben.

Auf diese erste theoretische Periode folgte die Zeit der ersten Aufklärung im 5. Jahrhundert v. Chr., die Sophistik. Die Sophisten, auf deutsch Lehrer der Weisheit, waren die Begründer der Dialektik, das heißt der Methode, gesprächsweise Erkenntnisse zu entwickeln. Im speziell kaufmännischen Bereich waren sie die Erfinder der zielgerichteten Verhandlungstechnik und damit des systematisch aufgebauten Verkaufsgespräches.

Auf der Basis dieses Erkenntnisstandes und jenes im alten Rom entwickelten im Mittelalter die betriebswirtschaftlichen Forscher des Morgen- und Abendlandes die Disziplin in ganz verschiedener Weise weiter. Die erste umfassende Darstellung einer Betriebswirtschaftslehre der damaligen Zeit im arabischen Raum dürfte das Buch von Ali ad Dimisqi aus dem 14. Jahrhundert sein, das "Das Buch des Hinweises auf die Schönheiten des Handels und die Kenntnis der guten und schlechten Waren und die Fälschung und der Betrüger an ihnen" hieß. Diese Schrift zielte im Schwerpunkt auf die Absatzwirtschaft einer Unternehmung und enthielt Abschnitte über Preis- und Absatzpolitik, die Entstehung des Geldes, die Kalkulation von Waren, die Einsicht, dass der Marktpreis aus Angebot und Nachfrage zustande kommt, erklärte die Faktoren, von denen die Preise abhängen, und gründete darauf preispolitische, absatzpolitische und allgemeine geschäftspolitische Empfehlungen.

Die Erfolge der arabischen Kaufleute und des Islams ließen die westlichen Kaufleute und Gelehrten nicht ruhen. Ihre Suche nach den Wurzeln dieser Erfolge führte zu der Vermutung, dass sie zu einem wesentlichen Teil auf das Rechnen mit indischen Zahlzeichen nach dem Dezimalsystem zurückzuführen sein könnten, das mit der Null den Stellenwert einführte. Das im Jahre 1202 erschienene Buch von Leonardo Fibonacci Pisano "Il Liber Abbaci" bedeutete daher geradezu eine Revolution. In diesem Buch schilderte Leonardo das kaufmännische Rechnen mit indischen Zahlzeichen einschließlich der Dreisatzrechnung und der Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Zufallszahlen.

Die Betriebswirtschaftslehre des späteren Mittelalters wurde von der christlichen Philosophie geprägt. Diese unternahm, etwa beginnend mit dem 9. Jahrhundert, den Versuch, die festgelegten Glaubenssätze in ein philosophisch-theologisches Wissenschaftssystem zu überführen. Thomas von Aquin (um 1225-1274) gelang es, auf der Grundlage der Aristotelischen Lehre ein eigenes philosophisch-theologisches System zu entwickeln. Bei seiner theoretischen Behandlung der Wirtschaft und der Unternehmung stützte er sich auf die Beziehungslehre des Aristoteles. Das Beziehungsziel war hierbei zunächst die Güterversorgung im Sinne der heutigen Definition der Verbraucherversorgung. Später veränderte sich das Beziehungsziel in das bonum commune, das Wohl der Gemeinschaft, das gleichzeitig das primäre Wirtschaftsprinzip der Scholastik darstellte.

Auf dieser Basis entwickelte Thomas von Aquin die Lehre von der sozialen Gerechtigkeit und des gerechten Lohnes. Daraus folgte bei späteren Gelehrten die Ableitung einer systematischen Vor- und Nachkalkulation mit ihren wichtigsten Bestandteilen. Hierbei erwarben Duns Scotus (1266-1308) und Antonin von Florenz (1389-1459) besondere Verdienste. Die Kalkulation wurde als eine besonders wichtige Aufgabe des Kaufmannes angesehen und gelangte zu einer zentralen Stellung in der damaligen Betriebswirtschaftslehre.

Gleichzeitig wurde in dieser Zeit die empirische Forschung weiterentwickelt. In diesem Zusammenhang hatte schon Albertus Magnus (etwa 1193-1280) auf die Bedeutung der Beobachtung und der Experimente für wissenschaftliche Analysen hingewiesen. Seit Beginn des 15. Jahrhunderts stellten die Scholastiker ausgedehnte Beobachtungen wirtschaftlicher Verhältnisse an, um sie zur Grundlage ihrer wissenschaftlichen Thesen zu machen und mit Hilfe der Ergebnisse solche Analysen ihre bisherigen Erkenntnisse zu überprüfen. Den glänzenden Abschluss dieser Schule bildete Ludwig Molina (1535-1600), der entgegen seinen Vorgängern auf betriebswirtschaftliche Probleme eine rationale und kausale Betrachtungsweise anwendete.

Molina gewann seine Einsichten über die wirtschaftlichen Zusammenhänge, indem er systematische Marktuntersuchungen anstellte und gezielte Befragungen der Kaufleute durchführte. Er wies nach, dass das Nehmen von Zinsen erlaubt sein müsste, wenn ein Kaufmann auf das eigene Geschäft verzichte und sein Kapital stattdessen ausleihe. Er spürte wesentliche Ursachen der Geldentwertung auf und entwickelte eine Geldlehre, die als Quantitätstheorie angesehen werden kann. Nach ihm sind die eigentlichen Preisbestimmungsgründe die Warenmenge, die Zahl der Käufer, die allgemeine Dringlichkeit des Bedarfs, Geldmenge und Geldbedarf sowie die Verkaufsart, das heißt die Umstände, unter denen verkauft wird.

Die wesentliche Leistung von Ludwig Molina in betriebswirtschaftlicher Sicht dürfte darin liegen, dass er, wenn auch nur für einen speziellen Bereich, Methoden der Marktforschung entwickelte, die Berechtigung des Handelsgewinns theoretisch erklärte, eine betriebswirtschaftliche Preistheorie entwickelte und auf deren Grundlage Probleme des Angebots- und Nachfragemonopols anging.


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